Gesundheit Streeck im Interview
Vitaminpräparate: „Das produziert nur teuren Urin“
Stand: 09:17 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Virologe Hendrik Streeck hält wenig von Vitaminpillen, die das Immunsystem stärken sollen
Quelle: picture alliance/dpa/UKB/Johann Saba; Yulia Reznikov/Getty Images; WELT-Infografik
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Gerade jetzt wollen viele Menschen ihr Immunsystem stärken oder denken über Grippe- oder Auffrischimpfungen nach. WELT-TV-Virologe und -Experte Hendrik Streeck beantwortet die wichtigsten Fragen zu Impfstoffen, akuten Reaktionen und was dem Körper hilft.
Geschlechtskrankheiten, Herzinfarkt, Demenz – jede Woche Prof. DR. Hendrik Streeck vom Universitätsklinikum Bonn und WELT-Moderatorin Franca Lehfeldt alltagstaugliche Fragen und medizinische Phänomene. An diesem Freitag um 17.40 Uhr beschäftigen sie sich bei WELT-TV mit dem Thema Immunsystem.
WELT: Mit den sinkenden Temperaturen heißt es wieder überall schnüffeln und schnüffeln: Jeder möchte sein Immunsystem so gut es geht stärken. Wie machen wir es?
Hendrik Streeck: Rein wissenschaftlich gesehen kann man so ein Immunsystem nicht einfach stärken. Denn was genau ein starkes Immunsystem ausmacht, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Jeder von uns hat ein individuelles Immunsystem, das von unseren Genen und dem täglichen Kontakt mit verschiedenen Krankheitserregern ein Leben lang abhängt. Auch das Immunsystem verändert sich mit zunehmendem Alter. Der spezifischste Schub, den Sie Ihrem Immunsystem geben können, ist eine Impfung.
WELT: Für wen ist die Grippeimpfung sinnvoll?
Streeck: Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung allen Bürgerinnen und Bürgern über 60, Risikogruppen und Personen, die viel Kontakt zu anderen Menschen haben. Ich lasse mich auch impfen, denn wer einmal die Grippe hatte, will sie sicher nicht noch einmal bekommen.
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WELT: Viele von uns fühlen sich nach der Impfung sehr deprimiert. Warum das?
Streeck: Impfen muss man sich als Training für das Immunsystem vorstellen und als ganz gezieltes Training. Und das kann manchmal anstrengend sein. Bei der Impfung wird dem Immunsystem vorgegaukelt, es handele sich um eine echte Infektion und es müsse ein Immunsystem aufbauen. Wenn diese Reaktion abgeklungen ist, entwickelt sich eine Erinnerung und Sie können besser und schneller reagieren, wenn eine tatsächliche Infektion auftritt.
WELT: Warum müssen wir unser Immunsystem wie bei der Grippeimpfung auf dem Laufenden halten?
Streeck: Das liegt an den vielen verschiedenen Grippearten. Es gibt auch Mutationen und die Möglichkeit, dass das Grippevirus zwischen Varianten rekombiniert. Daher muss die Impfung jedes Jahr aktualisiert werden. Für manche Erreger gibt es aber auch lebenslange Impfungen, wie zum Beispiel Masern.
WELT: Wie genau reagiert unser Immunsystem auf die Konfrontation mit Krankheitserregern?
Streeck: Wir unterscheiden zwischen dem angeborenen und dem erworbenen Immunsystem. Das angeborene Immunsystem schlägt sofort Alarm, wenn ein Krankheitserreger im Körper entdeckt wird. Es ist die Reaktion des Körpers. Der angeborene Arm des Immunsystems umfasst beispielsweise dendritische Zellen oder Makrophagen. Das angeborene Immunsystem soll den Erreger in Schach halten, bis das erworbene Immunsystem wirkt. Die Entwicklung der spezifischen Immunantwort braucht Zeit. Hier werden beispielsweise spezifische Antikörper und T-Zellen gebildet.
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WELT: Im schlimmsten Fall kann auch das Immunsystem versagen, zum Beispiel bei HIV. Warum das?
Streeck: Bei HIV ist ein wichtiger Akteur des Immunsystems ausgeschaltet, die CD4-Helfer-T-Zellen. T-Helfer-CD4-Zellen sind sozusagen der Treiber des Immunsystems; versagen sie, funktioniert das Immunsystem nicht mehr richtig. Es gibt aber auch angeborene Immunschwächen, die meist schon im Kindesalter auffallen. Diese angeborenen Immundefekte sind sehr selten. Etwa 430 verschiedene Krankheiten wurden beschrieben. Im Allgemeinen sind dies nur wenige bekannte Fälle.
WELT: Jetzt können wir auch das Immunsystem umprogrammieren: In den letzten Jahren wurde viel an Krebs geforscht. Wie nutzen Sie das?
Streeck: Wir können beispielsweise einzelne Rezeptoren auf T-Zellen blockieren oder stimulieren, wodurch diese Zellen noch aktiver gegen Krebs werden. Diese Therapie wird zum Beispiel bei schwarzem Hautkrebs eingesetzt.
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WELT: Drogerien sind voll mit vermeintlichen Produkten zur Immununterstützung. Können sie uns wirklich vor der nächsten fiesen Erkältung schützen?
Streeck: Wer sich krank fühlt, kann natürlich zu Vitamin C, Zink oder Omas Hühnersuppe greifen, die bei einem akuten Infekt wirklich helfen können. Alle möglichen Vitaminpräparate, auch solche, die angeblich das Immunsystem stärken, werden bei ansonsten gesunder Ernährung sofort wieder ausgespült. Es produziert also nur teuren Urin.
Bei WELT HEALTH hat der Virologe Prof. DR. Hendrik Streeck und Moderatorin Franca Lehfeldt stellen freitags medizinische Themen vor
Welche: obs
WELT GESUNDHEIT jeden Freitag um 17.40 Uhr auf WELT. Die Show wird nach der Ausstrahlung auch in der Mediathek und der TV-App verfügbar sein.
Die erste Folge über sexuell übertragbare Krankheiten können Sie sich hier ansehen:
Das neue Fernsehmagazin mit Franca Lehfeldt und Hendrik Streeck
Sie interessieren sich für Gesundheitsthemen? Moderatorin Franca Lehfeldt und Virologe Hendrik Streeck führen ab heute durch das neue TV-Magazin WELT GESUNDHEIT. Das Thema dieser Show: sexuell übertragbare Krankheiten.
Quelle: WELT / Hendrik Streeck und Franca Lehfeldt