Ein neues Handke macht es natürlich zu einem boomenden Haus. Die gute Laune im Wiener Akademietheater, zumal am Donnerstag, nur zwei Tage nach dem 80. Geburtstag des Nobelpreisträgers, das Drama „Zwietalk“ anlief, könnte sogar als eine Art Selbstabrechnung gelesen werden. Die gedeutete Situation: Zwei alte Männer, “zwei besondere Narren”, im Dialog. Oder vielleicht auch: ein Autor, der immer noch mit sich ringt.
Darüber war zuvor viel spekuliert worden, zumal Handke mit seinem Jargon der Sensibilität, verwoben mit Wortspielen und Zitaten von Dante bis Freddy Quinn, wieder Themen und Motive in seinen Texten aufgreift. „Zwietalk“ spricht von einem Weg, der „im Zickzack des Lebens“ durch die Welt und durch die Dörfer führt, von der Liebe zum Großvater, der die Tiere quält, aber auch von der Wut auf seine Generation, die sich auf „falsche Sprache“ einlässt. . die Propaganda der Mörder, die sich daran klammern, ihre politischen Verirrungen zu beschönigen. Von einer „chronischen Eigenart“ ist die Rede, von Verzweiflung am Menschen und Heimatsehnsucht, die auch das Theater nicht stillen kann.
Werden und Sterben, der seltsame Prozess des Alterns, Naturbeobachtungen, „bedrohliche“ Politik, die auch der unbequeme Gesprächspartner Handke nicht loslassen kann: Der Text kreist immer wieder um das Wiedererzählen der Geschichte, die immer wieder neu eingeordnet wird. Natürlich ließe sich an diesem naturgemäß recht elegischen Text auch darüber diskutieren, wie viele der neueren Stücke Handkes neben „Zwietalk“ und seinem 2020 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten „Zdenek Adamec“ wirklich die Bühne brauchen ; sie scheinen auszureichen, um Dramen zu lesen.
Altenpflege als Unterstützung
Nicht so bei Regisseurin Rieke Süsskow, für ihre Inszenierung von „Oxytocin Baby“ am Wiener Schauspielhaus, die Mitte November mit dem Nestroy-Theaterpreis als bestes Nachwuchstalent ausgezeichnet wurde. Diese Inszenierung an den 32-Jährigen zu übergeben, erweist sich einerseits als kluger Schachzug, weil er das Geschehen vor einer Wand aus instabilen Falttüren (Bühne: Mirjam Stängl) in eine ominöse und elastische Choreografie verpackt. Aber auch und vor allem, weil er das Gespräch nicht den Großeltern überlässt, sondern einen Dialog zwischen den Generationen aufbaut: „Das Alter ehren“ taugt nicht als Handlungsleitfaden.
In Süsskow werden aus Handkes zwei unbestimmten Sprechern fünf: drei alte Männer, die durch Erinnerungslandschaften stolpern (Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski, Martin Schwab). Hinzu kommen zwei junge Frauen (Elisa Plüss und Maresi Riegner), die immer wieder die Geschichte der Enkel und Großeltern an sich reißen und die Situation damit ins Hier und Jetzt versetzen. Es ist, als guter Gag und konsequente Unterstützung, in einem Altersheim angesiedelt, in dem die Verurteilten mit cleveren Musikspielen gelöst werden und am Ende der letzte und traurige Mitspieler am Buffettisch sitzt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sein hartnäckiges Aufbegehren auch als erbärmliches Geschwätz eines alten Hasen interpretiert werden kann. Bei alledem ist „Zwietalk“ aber vor allem eine in Wort und Bild kraftvolle Reflexion über die Vergänglichkeit, die von der endlosen Suche nach einem Platz in der Welt spricht und gleichzeitig Handkes Humor entgegenkommt: Si a l’horoskop „Heute Sie seien „unwiderstehlich“, sollte auch bekannt sein: „Ab einem gewissen Alter sind Horoskope nicht mehr gültig“, sagt er.
Langer und freundlicher Applaus für das großartige Ensemble, aber auch für das Führungsteam, das den Text lebendig, modern und ja: sehr unterhaltsam macht mit dieser energischen Inszenierung und einer Prise Respektlosigkeit.
Dialog Von Peter Handke. Akademietheater Wien. Inszenierung: Rieke Süßkow. Szenario: Mirjam Stängl. Mit: Hans Dieter Knebel, Elisa Plüss, Maresi Riegner, Branko Samarovski, Martin Schwab. Kommende Termine: 10., 17., 25. Dezember und 6. Januar. www.burgtheater.at