Affenpocken: Hautimpfstoffe können wirksamer sein

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Erstellt: 15.08.2022, 22:09

Von: Pamela Dörhöfer

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Wegen zu erwartender Engpässe kann der Affenpocken-Impfstoff nun auch in den USA intradermal verabreicht werden. Deutsche Experten sehen das kritisch.

Frankfurt – Unter Experten herrscht große Sorge, dass Affenpocken auch in unseren Breitengraden endemisch werden, wenn der aktuelle Ausbruch nicht eingedämmt wird. Weltweit sind derzeit mehr als 31.000 Fälle bekannt, das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Freitag 3.102.

Wie in anderen Ländern sind die meisten Männer betroffen, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern hatten, aber es gibt auch elf Frauen, drei Teenager und ein Kind. Zur Eindämmung der Infektionskrankheit setzen die Behörden vor allem auf Impfungen. Bisher ist “Imvanex” allerdings nur von einem Hersteller erhältlich: dem dänisch-deutschen Unternehmen Bavarian-Nordic.

Affenpocken in Deutschland: Es könnte zu einer Impfstoffknappheit kommen

Und so gibt es bereits Anzeichen für Engpässe. In Europa haben das Vereinigte Königreich und Belgien einen Mangel an Impfstoffen gemeldet, und die Vereinigten Staaten werden voraussichtlich nachziehen. Daher hat die nationale Gesundheitsbehörde FDA grünes Licht gegeben, den Impfstoff intradermal in die Haut zu injizieren.

„Imvanex“ von Bavarian-Nordic ist derzeit der einzige verfügbare Affenpocken-Impfstoff. Sven Hoppe/dpa © Sven Hoppe/dpa

Typischerweise wird der verwendete Lebendimpfstoff mit einem abgeschwächten Kuhpockenvirus zweimal in den Muskel injiziert. Eine Studie zum verwendeten modifizierten Ankara-Impfvirus kam jedoch zu dem Schluss, dass ein Fünftel der Standarddosis, die auf die Haut gegeben wird, einer Injektion in den Muskel immunologisch nicht unterlegen ist.

Der wahrscheinliche Grund: Die Haut enthält große Mengen dendritischer Zellen, die dem Immunsystem besonders gut fremde Antigene (Krankheitserreger, Impfstoffe) präsentieren, an die sich Antikörper und T-Zellen anheften können.

Affenpocken-Impfstoff läuft aus: Hautimpfstoffe ermöglichen eine effektivere Immunisierung

Die intradermale Verabreichung wird bereits praktiziert, beispielsweise bei der Impfung gegen Tuberkulose. Bei Engpässen bei Grippeimpfstoffen wurde bereits über eine Hautimpfung nachgedacht. In einer Studie führte die intradermale Verabreichung von einem Fünftel der normalen Dosis eines Influenza-Impfstoffs zu einer vergleichbaren, manchmal sogar besseren Immunogenität. Hautimpfungen führen jedoch tendenziell zu stärkeren Impfreaktionen.

Die Nachfrage nach Affenpocken-Impfstoff durch eine Erhöhung der Produktionskapazität zu decken, erscheint jedoch nicht realistisch. Wie Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, sagt, ist der Impfstoff „leider nicht so einfach herzustellen“.

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Sie schlägt vor, über die Entlizenzierung anderer Hersteller zu diskutieren und, wenn das nicht möglich ist, auf das nahezu identische Ankara-modifizierte Vacciniavirus zurückzugreifen, das in Bayern in den 1970er Jahren als Pockenimpfstoff verabreicht wurde und das der Freistaat noch immer in kleinen Mengen lagert. . Es könnte als Grundlage für den Affenpocken-Impfstoff dienen, „der wegen der weltweiten Verbreitung notwendig sein wird. Nicht nur hier, sondern auch in Afrika, wo Affenpocken seit fünf Jahren grassieren.

Affenpocken breiten sich aus: Weitere Impfdosen werden im September ausgeliefert

Ulrika Protzer ist skeptisch gegenüber dem Drängen auf einen intradermalen Impfstoff aus den USA, vor allem wegen schwerer Hautreaktionen, die manchmal länger als vier Wochen andauerten. Das wäre auch “nicht gut” für die Impf-“Akzeptanz”, sagt er.

Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln, hält eine Injektion in die Haut „schon aus praktischen Gründen nicht durchführbar“. So ist zum Beispiel die Entnahme von fünf Spritzen aus der ohnehin geringen Menge an Flaschen nicht so einfach zu bewerkstelligen. Die Injektion selbst sei ein „noch größeres Problem“ und ohne spezielle Geräte technisch „ziemlich schwierig“. “Derzeit gibt es nur wenige Ärzte, die damit Erfahrung haben. Insgesamt: Ich halte sehr wenig von dieser Idee.”

In Deutschland hat die Bundesregierung 240.000 Dosen Imvanex bestellt, von denen zunächst 40.000 geliefert wurden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind auch einige Maßnahmen der EU hinzugekommen. Weitere Impfstofflieferungen werden im September erwartet. Die Deutsche Aidshilfe geht jedoch davon aus, dass rund eine Million Dosen des Impfstoffs benötigt werden, um eine halbe Million Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko dauerhaft zu schützen.

Affenpocken: Es gibt nicht genug Impfstoff für alle Menschen mit hohem Infektionsrisiko

Dazu gehören vor allem Männer, die Sex mit anderen Männern haben, einfach weil die Krankheit über infektiöse Hautstellen übertragen wird und das Risiko, mit ihr in engen Kontakt zu kommen, bei dieser Gruppe größer ist. Grundsätzlich kann sich aber jeder mit Affenpocken anstecken.

Der Infektiologe Gerd Fätkenheuer vermutet, dass Impfungen allein nicht ausreichen werden, “um die aktuelle Ausbreitung der Affenpocken vollständig zu stoppen”, auch nicht in Deutschland, wo er ebenso wie die Aidshilfe vermutet, dass es viel mehr Menschen mit einem höheren Ansteckungsrisiko gibt, als geimpft werden können mit den angeforderten Dosen.

Deshalb solle “breit” Wissen darüber vermittelt werden, “wie man sich infektionspräventiv verhalten soll”, sagte Fätkenheuer. Auch diese Kampagne sollte die Zielgruppe ansprechen. “Hier gibt es meiner Meinung nach noch viel zu tun.” (Pamela Dörhöfer)

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