Veröffentlicht am 5. August 2022, 04:56
Behörden ermitteln: Luzerner fährt Mercedes und benutzt Rolex, trotz 25 Forderungen
Gegen einen 38-jährigen Mann wird wegen Konkurstricks ermittelt: Er soll mit Komplizen fast eine halbe Million Franken erbeutet haben. Allein im Kanton Zürich entstehen dadurch jährlich Schäden in Höhe von mehreren hundert Millionen Franken.
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Ein ehemaliger Geschäftspartner beschreibt TR als sehr charismatisch: „Mit der Zeit wurde mir aber klar, welchen Schaden er durch seine Praktiken anrichtet.“
Privatgelände
R. zeigt gerne Luxusartikel, zum Beispiel einen Mercedes. Dem gegenüber steht ein langer Betreibungsauszug mit 25 Einträgen, der in 20 Minuten vorliegt.
Privatgelände
Der 38-Jährige ist Kaufmann – er war in den vergangenen fünf Jahren an mindestens sieben Unternehmen beteiligt, wie aus dem Handelsregister hervorgeht. Wegen einem von ihnen ermitteln die Behörden nun jedoch gegen ihn.
Privatgelände
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Behörden werfen einem Luzerner vor, mit Konkurstricks fast eine halbe Million betrogen zu haben.
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Ein ehemaliger Geschäftspartner beschreibt den Mann als sehr charismatisch: “Mit der Zeit wurde mir aber bewusst, welchen Schaden er durch seine Praktiken anrichtet.”
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Allein im Kanton Zürich verursachen diese Praktiken jährlich Schäden im dreistelligen Bereich.
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Auf Nachfrage wollte sich der Mann nicht äußern. Es gilt die Unschuldsvermutung.
TR (Initialen geändert) posiert auf Fotos mit Luxusartikeln: Einst in einem Mercedes gezeigt, schmücken mehrere Rolex-Uhren sein Handgelenk. Dem gegenüber steht ein langer Betreibungsauszug mit 25 Einträgen, der in 20 Minuten vorliegt.
Gläubiger sind beispielsweise ein Fitnessstudio, der Kanton Luzern oder eine Krankenkasse. Einen Teil der ausstehenden Beträge hat er bezahlt, insgesamt stehen aber sieben Verlustscheine auf der Abrechnung.
Geldwäsche und Konkursdelikte
Der 38-Jährige ist Kaufmann – er war in den vergangenen fünf Jahren an mindestens sieben Unternehmen beteiligt, wie aus dem Handelsregister hervorgeht. Wegen einem von ihnen ermitteln die Behörden nun jedoch gegen ihn. R. und seine Komplizen sollen zwischen Juli und Dezember 2016 fast 450’000 Franken illegal von der Firma abgehoben und mit gefälschten Rechnungen gedeckt haben.
Die Staatsanwaltschaft Solothurn wirft TR laut einem seit 20 Minuten vorliegenden Gerichtsdokument unter anderem Geldwäscherei vor. Obwohl er das Unternehmen Anfang Juli 2016 verließ, sehen die Ermittler in ihm weiterhin den „eigentlichen Geschäftsführer“. Das Finanzministerium bestätigt auf Anfrage laufende Verfahren wegen betrügerischer Geschäftsführung, Misswirtschaft und anderer Konkurs- und Urkundendelikte.
Ein ehemaliger Geschäftspartner beschreibt TR als sehr charismatisch: „Mit der Zeit wurde mir aber bewusst, welchen Schaden R. durch seine Praktiken anrichtet.“ Also zog er sich aus seiner Umgebung zurück. Aus Sorge um seine persönliche Sicherheit möchte er anonym bleiben.
Dreistelliger Millionenschaden
Was R. vorgeworfen wird, sei ein bekanntes Vorgehen, sagt Andrea Jug-Höhener, Chefermittlerin für Wirtschaftsdelikte bei der Kantonspolizei Zürich. Eine andere Kavaliersart namens Konkurs (siehe Kasten) ist noch häufiger: “Ein Bestattungsunternehmen übernimmt ein Unternehmen, führt es aus und lässt es dann bankrott gehen.”
“Das sind keine Kleinigkeiten”
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Herr Kälin*, was ist gescheiterte Ritterlichkeit?
Meistens steht am Anfang ein Unternehmen, das in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Ein Vermittler bietet an, das Geschäft an einen sogenannten „Bestatter“ zu verkaufen, oft gegen eine Gebühr. Der Bestattungsunternehmer verlegt den Firmensitz in eine andere Ecke und mietet zum Beispiel Autos oder kauft Waren auf Rechnung. Geschäfte sind ihm egal. Früher oder später geht das Unternehmen bankrott. Gläubiger bekommen nichts, weil die Kassen leer und die Ware weg ist.
In welchen Branchen ist es häufiger?
In der Regel sind kleinere Betriebe in der Gastronomie oder im Baugewerbe betroffen, dies muss aber nicht zwingend der Fall sein.
Wie wird das Verbrechen bestraft?
Insolvenz ist ein Misswirtschaftsdelikt, das mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Auch andere Delikte sind möglich, wie z. B. unlautere Geschäfte und Urkundenfälschung. Es gibt also keine Kleinigkeiten.
*Oliver Kälin ist Rechtsanwalt mit Spezialisierung auf Konkursrecht und leitet die Zürcher Anwaltskanzlei „kaelin.legal AG“.
Nach einem Rückgang in den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Konkurse im Kanton Zürich seit Anfang 2022 wieder gestiegen, so Jug-Höhener. Neben den Handelspartnern ist auch die Allgemeinheit stark geschädigt. Zahlen für die ganze Schweiz liegen dem Bund nicht vor, wie der Staatssekretär für Wirtschaft auf Anfrage schreibt. Aber: «Allein im Kanton Zürich gehen die jährlichen Schäden durch diese Delikte in die Hunderte Millionen», sagt Jug-Höhener.
Um den Schaden zu begrenzen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behörden notwendig. Im März 2022 billigte das Parlament zudem die Verschärfung des Gesetzes zur Bekämpfung des systematischen Insolvenzmissbrauchs: „Das begrüßen wir ausdrücklich“, sagt die Forscherin Jug-Höhener.
TR selbst lehnte es auf Nachfrage ab, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Es gilt die Unschuldsvermutung.
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