Das Abbauprodukt von Koffein verlangsamt Kurzsichtigkeit

Ein natürliches Abbauprodukt von Koffein kann offenbar das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bei Kindern verlangsamen. In einer Langzeitstudie mit gut 700 dänischen Kindern hemmte der Wirkstoff 7-MX das übermäßige Wachstum des Augapfels. Dadurch nahm die Kurzsichtigkeit dieser Kinder weniger stark zu als bei unbehandelten gleichaltrigen Kindern. Das deutet darauf hin, dass der 2009 von den dänischen Gesundheitsbehörden zugelassene Wirkstoff die Kurzsichtigkeit zumindest verlangsamen kann.

Fast 50 Prozent der Menschen in Europa sind kurzsichtig, Tendenz steigend. Fehlsichtigkeit tritt auf, wenn die Augäpfel von Kindern zu groß werden, wodurch sich das von der Augenlinse erzeugte Bild vor der Netzhaut bildet. Hauptursachen sind neben einer genetischen Veranlagung häufiges Lesen, Sitzen am Computer und andere mit enger Annäherung verbundene Tätigkeiten. Dem können Sie entgegenwirken, indem Sie sich möglichst viel im Freien aufhalten, denn die UVB-Strahlung der Sonne verlangsamt das Wachstum des Augapfels.

Wie sich nun gezeigt hat, könnte ein natürliches Abbauprodukt des Koffeins auch bei Kindern das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit verlangsamen. 7-Methylxanthin (7-MX) wird gebildet, wenn Koffein im menschlichen Körper verstoffwechselt wird. Anders als Koffein kann 7-MX jedoch kaum die Blut-Hirn-Schranke durchdringen und hat somit keine Wachwirkung. Auch in relativ hohen Dosen gilt es als unbedenklich und verträglich.

Augapfelwachstum eindämmen?

Das Interessante aber: In Versuchen mit Meerschweinchen, Kaninchen und Rhesusaffen zeigte 7-MX bereits vor einigen Jahren eine deutliche Wirkung auf das Wachstum des Augapfels. Das Abbauprodukt des Koffeins fördert offenbar die Stabilisierung der Dermis durch Kollagenfasern und wirkt so der Ausdehnung des Augapfels entgegen. 2008 zeigte auch eine einjährige Pilotstudie mit 42 kurzsichtigen Kindern vielversprechende erste Ergebnisse: Bei einer täglichen Gabe von 400 Milligramm 7-MX verschlechterte sich die Kurzsichtigkeit etwas langsamer und auch die Augäpfel der Kinder wuchsen weniger.

Was das langfristig für Kinder bedeutet, zeigt eine erste Langzeitstudie von Klaus Trier vom Forschungszentrum Trier in Hellerup, Dänemark, und Kollegen. Zwischen 2000 und 2021 untersuchten sie die Augenentwicklung von 711 Kindern zwischen sieben und 15 Jahren. Alle Kinder waren zu Beginn des Studienzeitraums kurzsichtig, ihre Dioptrienzahl lag zwischen -0,5 und -9. 624 dieser Kinder nahmen über mehrere Jahre täglich zwischen einer und drei 400-Milligramm-Tabletten 7-MX ein.

Messbarer dosisabhängiger Effekt

Das Ergebnis: Bei Kindern, die 7-MX regelmäßig eingenommen hatten, schritt die Kurzsichtigkeit langsamer voran. Sein Augapfel wuchs weniger und seine Dioptrie nahm in geringerem Maße zu. Dieser verlangsamende Effekt war umso deutlicher, je höher die Tagesdosis des Wirkstoffs war und je früher mit der Behandlung begonnen wurde. Gleichzeitig berichtete keines der Kinder von Nebenwirkungen durch die Einnahme des Koffeinabbauprodukts, berichtet das Team.

Konkret ergaben die modellbasierten Auswertungen: „Ein Kind, das zu Beginn sieben Jahre alt ist und eine anfängliche Kurzsichtigkeit von -2,43 Dioptrien hat, nimmt in den nächsten sechs Jahren ohne Behandlung etwa -3,49 Dioptrien zu“, berichten Trier und Ihr Team Bei einer Tagesdosis von 1.000 Milligramm 7-MX wären es hingegen nur -2,65 Dioptrien mehr. Gleiches gilt für das Wachstum des Augapfels: Ohne Behandlung würde das Kinderauge in sechs Jahren um 1,80 Millimeter zunehmen, mit 7-MX wären es 1,63 Millimeter.

„Könnte klinisch signifikant sein“

Damit bestätigen die Ergebnisse die Ergebnisse der Pilotstudie und legen nahe, dass 7-MX das Fortschreiten der Myopie bei Kindern zumindest verlangsamen kann. Die Wirkung ist nach Angaben des Forscherteams sogar etwas stärker als bei bisherigen Ansätzen wie Atropin-Augentropfen. „Die Wirksamkeit in diesem Bereich könnte klinisch signifikant sein, da sie das Risiko von Myopie-bedingten Komplikationen reduziert“, erklären Trier und Kollegen. Schwere Myopie erhöht das Risiko von Netzhautrissen, Makuladegeneration und Glaukom.

Allerdings geben Trier und sein Team zu, dass ihre Beobachtungsstudie noch kein schlüssiger Beweis für die Kausalität ist. Dazu soll nun eine klinische Studie mit Placebo-Vergleich durchgeführt werden. Auch mögliche Einflussfaktoren wie Gene, Aufenthalt im Freien und Lebensstil wurden in der Langzeitstudie nur teilweise erfasst. Allerdings sehen sie in 7-MX einen vielversprechenden Ansatz gegen Kurzsichtigkeit.

„Bisherige Myopie-Eingriffe können nicht verhindern, dass Kinder eine schwere Kurzsichtigkeit entwickeln“, sagt Trier. „Wenn sich die kausale Wirkung von 7-MX bestätigt, könnte es daher eine wertvolle Zusatztherapie sein.“ (British Journal of Ophthalmology, 2022; doi: 10.1136/bjo-2021-320920)

Was: BMJ

25. August 2022

– Nadja Podbregar

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