Verdacht bestätigt: Eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) verursachen, wie eine Studie nun gezeigt hat. Fast die Hälfte der Patienten mit Post-Covid-Syndrom zeigten deutliche Anzeichen für ME/CFS und damit für eine noch nicht geheilte Form extremer Erschöpfung. Der Rest der Betroffenen erfüllte die Kriterien nicht, was ihnen bessere Heilungschancen versprechen könnte, berichtet das Team.
Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) ist mehr als anhaltende Erschöpfung: Betroffene dieser schweren, noch nicht geheilten Erkrankung leiden unter starker körperlicher Schwäche, Kopf- oder Muskelschmerzen sowie neurokognitiven und immunologischen Symptomen Besonders typisch für ME/CFS ist die sogenannte Post-Exercise-Malaise (PEM): Nach körperlicher Anstrengung nimmt die Erschöpfung so stark zu, dass es im Extremfall sogar zu einem „Crash“, einer stundenlangen Schwäche oder Schwäche kommen kann Tage. und lässt den Betroffenen bettlägerig und teilweise immobilisiert zurück.
Kann Covid-19 ME/CFS verursachen?
Das Chronische Erschöpfungssyndrom galt lange Zeit als psychosomatische Erkrankung, da es keine subjektiv messbaren diagnostischen Kriterien zu geben schien. Inzwischen haben Wissenschaftler jedoch zahlreiche Biomarker sowie typische Veränderungen in der Gehirn- und Darmflora von ME/CFS-Patienten entdeckt. Es gibt auch zunehmend Hinweise darauf, dass das Fatigue-Syndrom häufig als Spätfolge von Infektionen mit Viren wie Epstein-Barr-, Dengue- und Enteroviren auftritt.
Da viele Patienten auch nach einer Coronavirus-Infektion unter anhaltender Erschöpfung leiden, wird seit langem vermutet, dass zumindest ein Teil der Betroffenen ein ausgewachsenes ME/CFS entwickeln wird. „Schon in der ersten Welle der Corona-Pandemie kam der Verdacht auf, dass Covid-19 ein Auslöser für ME/CFS sein könnte“, sagt Erstautorin Carmen Scheibenbogen von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Allerdings ist es nicht trivial, diese Annahme wissenschaftlich zu belegen.“
Denn die für das Long-Covid- und Post-Covid-Syndrom typische Erschöpfung könnte auch postinfektiöse Müdigkeit sein. Diese Spätwirkung kann nach verschiedenen Infektionskrankheiten auftreten und über Wochen oder Monate anhalten, bessert sich dann aber von alleine.
Vergleich von Post-Covid-Patienten mit ME/CFS
Um die für das Post-Covid-Syndrom typische Erschöpfung genauer einzuordnen, untersuchten Scheibenbogen und Kollegen 42 Personen im Alter von 22 bis 62 Jahren, die im Jahr 2020 an Covid-19 erkrankt waren und meist einen milden Verlauf hatten Nach der akuten Infektion entwickelten jedoch alle eine chronische Erschöpfung, die mehr als sechs Monate andauerte und ihren Alltag stark einschränkte. Die meisten Betroffenen konnten nur zwei bis vier Stunden am Tag leichte Arbeiten verrichten, einige konnten gar nicht arbeiten.
Für ihre Studie haben die Forscher alle Teilnehmer umfassenden neurologischen, kardialen, immunologischen und pulmonalen Untersuchungen unterzogen und anhand der sogenannten Canadian Consensus Criteria die Art der chronischen Müdigkeit bewertet. „Dieser Kriterienkatalog wurde wissenschaftlich entwickelt und hat sich im klinischen Alltag bewährt, um das Chronische Erschöpfungssyndrom eindeutig zu diagnostizieren“, erklärt Scheibenbogens Kollegin Judith Bellmann-Strobl. Eine Kontrollgruppe bestand aus 19 Probanden mit ähnlicher Altersverteilung, die nach einer weiteren Infektion ME/CFS entwickelt hatten.
Die Hälfte erfüllt alle CFS-Kriterien
Das Ergebnis: „Wir können zwei Gruppen von Post-Covid-Betroffenen mit stark reduzierter Resilienz unterscheiden“, berichtet Bellmann-Strobl. Die Forscher diagnostizierten bei fast der Hälfte der Teilnehmer ein voll ausgeprägtes ME/CFS. „Dies bestätigt die Sorge, dass Covid-19 ME/CFS bei jungen Menschen nach einer leichten bis mittelschweren Corona-Infektion auslösen könnte“, so das Team.
Die andere Hälfte der Teilnehmer zeigte auch einige typische Ermüdungssymptome, wie z. B. Beschwerden nach dem Training. Diese nach körperlicher Anstrengung auftretende Erschöpfung ist jedoch meist nicht so ausgeprägt und hält nur wenige Stunden an. Auch bei den Laborwerten gab es einige deutliche Unterschiede, und auch die Prognose sieht besser aus: „Bei vielen Menschen, die ähnliche Symptome wie MS/CFS haben, aber nicht das vollständige Bild der Krankheit entwickeln, scheinen sich die Symptome im Laufe der Zeit zu bessern.“ erklärt Scheibenbogen.
Verschiedene mögliche Mechanismen
Analysen verschiedener Blutwerte legen nahe, dass auch die physiologischen Ursachen der Erschöpfung bei diesen beiden Gruppen unterschiedlich sind. „Unter anderem fanden wir bei Menschen mit weniger starker Belastungsintoleranz heraus, dass sie weniger Handkraft hatten, wenn sie einen höheren Spiegel des Immunbotenstoffs Interleukin-8 hatten anhaltende Entzündungsreaktion“, berichtet Scheibenbogen.
„Bei Menschen mit ME/CFS hingegen korreliert die Handkraft mit dem Hormon NT-proBNP, das bei schlechter Sauerstoffversorgung von Muskelzellen ausgeschüttet werden kann“, sagt Dr.-Forscher. “Dies könnte darauf hindeuten, dass eine verminderte Durchblutung für ihre Muskelschwäche verantwortlich ist.” Diese neuen Erkenntnisse könnten dazu beitragen, spezifische Therapien für das Post-Covid-Syndrom und ME/CFS zu entwickeln.
Bisher gibt es keine kausale Therapie für ME/CFS
Die Ergebnisse bestätigen aber auch die Befürchtung, dass in Folge der Corona-Pandemie deutlich mehr Menschen an dem noch nicht geheilten ME/CFS erkranken werden. „Leider können wir ME/CFS derzeit nur symptomatisch behandeln. Deshalb kann ich jungen Menschen nur empfehlen, sich durch Impfungen und FFP2-Masken vor einer SARS-CoV-2-Infektion zu schützen“, betont Scheibenbogen. (Nature Communications, 2022; doi: 10.1038/s41467-022-32507-6)
Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin
1. September 2022
– Nadja Podbregar