Deutsche Aidshilfe warnt: Corona bremst den Kampf gegen HIV und AIDS

Demonstranten stürmten die Bühne der Internationalen Aids-Konferenz in Montreal. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Paul Chiasson

Interview

Einmal im Jahr kommen Wissenschaftler und Experten aus aller Welt zusammen, um über den globalen Kampf gegen HIV und AIDS zu diskutieren. Bei der diesjährigen Aids-Konferenz 2022 im kanadischen Montreal zeichnete sich am Dienstag bereits kurz vor Schluss ein bitteres Fazit ab: Die Eindämmung des Coronavirus geht vor die Bekämpfung von HIV, und das hat Folgen.

„Im Zuge der Corona-Pandemie ist es international zu einem dramatischen Abbau von HIV-Test- und Beratungseinrichtungen gekommen“, sagt Jürgen Rockstroh, Professor am Universitätsklinikum Bonn, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Notwendige Laborkontrollen wurden ausgeweitet. Engpässe in der Arzneimittelversorgung wurden weithin gemeldet. Außerdem mussten sich viele Forscher, aber auch Kollegen aus dem öffentlichen Gesundheitswesen auf das Covid konzentrieren, sodass viele Ressourcen für HIV verloren gegangen sind.“

Die globale Antwort auf HIV ist in Gefahr.

Fortschritte bei der Prävention sind ins Stocken geraten, globale Schocks haben zukünftige Risiken verschärft und die HIV-Ressourcen sind bedroht.

Das neue Global AIDS Update 2022 hebt die dringenden Maßnahmen hervor, die erforderlich sind, um wieder auf Kurs zu kommen.

– UNAIDS (@UNAIDS) 27. Juli 2022

Die Zahlen spiegeln dies wider: Der Kampf gegen HIV und AIDS ist laut einem aktuellen Bericht des AIDS-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) weltweit ins Stocken geraten. In einigen Regionen, in denen die Zahl der Neuinfektionen zuvor gesunken war, ist sie nun wieder gestiegen. Weltweit haben sich im vergangenen Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen neu mit dem HI-Virus infiziert. Unter anderem in Osteuropa, Teilen Asiens, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Nordafrika ist die Zahl der Neuinfektionen gestiegen.

Neben der Corona-Pandemie bereiteten auch der Krieg in der Ukraine, das vermehrte Auftreten von Pocken und die schwierige Weltwirtschaftslage Sorgen. Es fehlt an Geld, Kapazitäten und Medikamenten, was Auswirkungen auf die Registrierung und medizinische Versorgung von HIV-Infizierten weltweit hat.

Was bedeutet diese komplizierte Situation für Deutschland? Watson hat mit Holger Wicht darüber gesprochen. Er ist Sprecher der Deutschen Aidshilfe und wird auf der Konferenz in Montreal anwesend sein.

„Rund 10.000 Menschen in Deutschland wissen immer noch nichts von ihrer HIV-Infektion.“

Watson: Herr Wicht, sind Lieferengpässe bei wichtigen HIV-Medikamenten auch in Deutschland zu spüren?

Holger Wicht: In Deutschland gibt es keine Engpässe bei der Lieferung von HIV-Medikamenten. International erhalten jedoch immer noch rund 10 Millionen Menschen keine lebensrettenden Medikamente. Der Krieg in der Ukraine hat auch die Versorgung der Menschen mit HIV-Medikamenten und Ersatztherapien, beispielsweise bei Opioidabhängigkeit, gefährdet oder unterbrochen.

Die Labore waren wegen der Corona-Pandemie voll ausgelastet. Hatte das Folgen für HIV-Infizierte?

In Deutschland sind uns keine gravierenden Einschränkungen der medizinischen Versorgung von Menschen mit HIV durch die Covid-19-Epidemie bekannt. Natürlich arbeiteten die Praxen unter erschwerten Bedingungen, aber die notwendigen Prüfungen waren trotzdem möglich. Es gab jedoch strenge Einschränkungen bei der Bereitstellung von Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen.

“Der Krieg in der Ukraine hat auch die Versorgung mit HIV-Medikamenten (…) in einigen Fällen gefährdet oder unterbrochen.”

Manche Gesundheitsämter boten diesen Test nicht mehr an, Checkpoints von Aids-Organisationen griffen oft ein, arbeiteten aber selbst unter erschwerten Bedingungen und damit oft mit reduzierter Kapazität. Da HIV so früh wie möglich erkannt und behandelt werden musste, war dies eine ernsthafte Einschränkung der Versorgung. Unser sam-Gesundheitsprojekt mit Zustellnachweis erwies sich als pandemiesicheres Angebot, weil es kontaktlos war, was für manche Menschen eine gute Alternative war.

Holger Wicht ist Sprecher der Deutschen Aidshilfe. Bild: dpa/picture-alliance/Deutsche Aidshilfe

Haben die Corona-Kontaktbeschränkungen 2020 und 2021 zu weniger Neuinfektionen geführt?

Natürlich haben viele Menschen auch ihre sexuellen Kontakte reduziert. Die Zahl der Neuinfektionen sei in dieser Zeit zwar zurückgegangen, dieser Trend habe es aber auch schon vorher gegeben. Wie viele Infektionen durch Kontaktreduzierung verhindert wurden und wie viele aus anderen Gründen, lässt sich nicht beziffern. Zu beachten ist beispielsweise, dass seit Herbst 2019 die medizinische HIV-Prophylaxe PrEP von den Krankenkassen finanziert wird, eine sehr effektive Maßnahme für Personen mit hohem HIV-Risiko. Dies wird auch zur Reduzierung von Infektionen beigetragen haben.

Besonders Immunsupprimierte gelten als Corona-Risikogruppen. Was bedeutet das für HIV-Infizierte, insbesondere aber für Aids-Kranke?

Eine HIV-Infektion an sich bedeutet kein besonderes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-Erkrankung. Menschen mit HIV, die rechtzeitig mit der Therapie begonnen haben, was heute der Normalfall ist, haben keine Immunschwäche. AIDS tritt nur auf, wenn eine HIV-Infektion lange Zeit unbehandelt bleibt, eine Immunschwäche kann auch Folge einer langen Krankheitsgeschichte sein.

Die Internationale AIDS-Konferenz 2022 in Montreal, Kanada, fand von Freitag bis Dienstag statt. Bild: The Canadian Press/AP/Paul Chiasson

Da musste man manchmal besonders vorsichtig sein. Auch von Menschen mit Vorerkrankungen hören wir, dass die aktuelle Situation für sie nicht einfach ist, weil die Schutzmaßnahmen weitgehend wegfallen, ihr besonderes Risiko aber weiterhin besteht. Davon sind aber nicht unbedingt hauptsächlich Menschen betroffen, deren Immunschwäche mit einer langjährigen HIV-Infektion zusammenhängt, sondern beispielsweise Menschen mit Atemwegserkrankungen.

Welche aktuellen Probleme im Kampf gegen HIV und AIDS sind so dringend, dass sie jetzt angegangen werden müssen?

Die finanzielle Ausstattung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria ist von wesentlicher Bedeutung. Dieses Jahr ist die „Nachschubkonferenz“ für die nächsten drei Jahre. Mindestens 18 Milliarden Dollar werden benötigt. Auch Deutschland, das über drei Jahre 1.000 Millionen beigesteuert hat, muss seine Beiträge entsprechend der Wirtschaftskraft des Landes noch einmal deutlich erhöhen. Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene gilt nach wie vor: Wir müssen weiter gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und besonders betroffenen Gruppen kämpfen.

„Es ist völlig unverständlich, warum diese Schlupflöcher noch nicht geschlossen sind. Die Zahl der HIV-Infektionen in Deutschland könnte deutlich geringer sein.“

Welche Probleme entstehen durch Stigmatisierung?

Stigmatisierung ist Gift für Prävention und Pflege, zum Beispiel weil Menschen sich schämen, sich nicht testen zu lassen und keine Behandlung bekommen können. „Schlüsselgruppen“, wie es international heißt, brauchen Akzeptanz und maßgeschneiderte Präventionsangebote. Verfolgung und Diskriminierung, etwa von schwulen Männern und Drogenkonsumenten, sind sehr schädlich. Besonders betroffene Gruppen, wie junge Frauen und Mädchen, beispielsweise im südlichen Afrika, brauchen eine an ihre Bedürfnisse angepasste Prävention und Unterstützung.

Vor welchen Herausforderungen steht Deutschland besonders?

Wir müssen in Deutschland erfolgreiche Strategien ausbauen und Lücken schließen. Dazu gehört zum Beispiel eine bessere PrEP-Versorgung auf allen Ebenen, also auch in kleineren Städten und ländlichen Gebieten. Dazu eine bundesweit sichere medizinische Versorgung für Menschen ohne Aufenthaltspapiere, Drogenkonsumräume in allen Bundesländern, saubere Spritzen und Drogenutensilien in den Justizvollzugsanstalten. Es ist völlig unverständlich, warum diese Schlupflöcher noch nicht geschlossen sind. Die Zahl der HIV-Infektionen in Deutschland könnte deutlich geringer sein.

Das Prophylaxepräparat HIV-PrEP schützt vor einer HIV-Infektion. Bild: iStock/Getty Images Plus/nito100

Haben Sie eine andere Ressource?

Noch immer wissen rund 10.000 Menschen in Deutschland nichts von ihrer HIV-Infektion und sind dadurch gefährdet, schwer zu erkranken. Ohne Behandlung bleibt HIV übertragbar. Daher ist es wichtig, das Testangebot auch für bestimmte Personengruppen zu erweitern und der Öffentlichkeit klar zu machen: Es lohnt sich, frühzeitig über eine HIV-Infektion Bescheid zu wissen und im Zweifelsfall auf HIV zu achten Testen ist immer eine gute Entscheidung.

(jd/mit dpa-Material)

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