Die quirlige Geigerin und Netzwerkerin Rachlin geht mit ihrem Herbstgold, das am Sonntag mit einer konzertanten Fassung von „Bastien und Bastienne“ beginnt, in die zweite Spielzeit, die in allen Spielarten unter dem Motto „Passion“ steht. Das Ehepaar Cornelius Obonya und Carolin Pienkos gestaltete in diesem Jahr die konzertante Oper für den Haydnsaal des Schlosses Esterhazy und kombinierte Mozarts „Operette“, also die kleine Oper, mit dem Text „Le devin du village“ von Jean-Jacques Rousseau . Mit Hilfe eines dörflichen Wahrsagers wird in dieser Adaption ein zerstrittenes Paar, das das Thema Leidenschaft in einen anderen Zusammenhang gebracht hat, wieder vereint.
Und auf einer anderen Ebene findet der Kampf um authentische Kunst beim Festival statt, das auch in diesem Jahr wieder bis zum 25. September im und um Schloss Esterhazy stattfindet. Und ob Kritiker, aber auch Musikkollegen in ihren ersten Einschätzungen von Werken falsch lagen oder Menschen, die sich endlich als Große auf ihrem Gebiet durchsetzen konnten.
„The Music Critic“, einst beim Dubrovnik Festival uraufgeführt, ist eine großartige Satire über Fehler in der Beurteilung von Kunst, die der Wiener Musiker Igudesman, auch bekannt durch die YouTube-Serie „Igudesman and Joo“, in den USA eigens geschrieben hat für den Schauspieler Malkovich. Das bereits auf mehreren Festivals gefeierte Stück feiert am 24. September seine österreichische Erstaufführung. Gemeinsam mit Rachlin (Violine), Igudesman (Violine), Sarah McElravy (Viola), Boris Andrianov (Cello) und Hyung-ki Joo (Klavier) werden große klassische Werke seziert und auch mit den Augen von Zeitgenossen betrachtet.
Kultur aus Sicht von Vogl: Julian Rachlin
Vom 11. bis 25. September findet in Eisenstadt das Klassik-Festival Herbstgold statt, und zum zweiten Mal unter der künstlerischen Leitung des Stargeigers Julian Rachlin ist Teresa Vogl ins Burgenland gereist, um den Weltstar im Imposanten zu interviewen Stufe von Esterhazy. Palast zu fragen.
„Wie der Liebling der Papageien“
„Von vorne sieht er aus wie ein genialer Fotograf; hinter der Art, wie er sein Haar macht, sieht er aus wie eine Sonnenblume, ein Liebling von Papageien und Gärtnern. Grieg mag ein ausgezeichneter Komponist sein, wenn er die populäre Musik seines Landes interpretiert, aber ansonsten ist er nicht mehr als ein gewiefter Musiker, der sich nur um Effekte und nicht um echte Kunst kümmert.“ So dachte Claude Debussy über seinen nordischen Zeitgenossen Edward Grieg Celebration. Musik kann diesen Behauptungen entgegenwirken und das Publikum geteilte oder widerlegte Einschätzungen sehen lassen. Malkovich und Rachlin mussten an diesem Abend die schlimmste Kritik an ihrer eigenen Arbeit ertragen.
Andreas Tischer / OTS „Herbstgold soll Europas führendes Boutique-Festival werden“. Hier ist ein Bild vom letzten Jahr in der Haydn Hall.
Flankiert wird die Aufführung durch den Auftritt des fröhlich liefernden Kritikers, „Kronen Zeitung“- und „News“-Autors Heinz Sichrovsky, der sich bei seiner Aufführung daran erinnern wird, wie er einige seiner großen Zeitgenossen beurteilte. „Meine erste Rezension des Debütanten Tobias Moretti am Volkstheater in Wien zeichnet das Bild einer ahnungslosen und untalentierten Selbstparodie, der ich damals erklärte, dass er seine Berufswahl dringend überdenken sollte“, erinnert sich Sichrovksy gegenüber ORF.at. Und Rachlin lacht heute, wenn sie an einen seiner frühen Kritiker denkt, manche hielten ihn für ein Wunderkind an der Geige, andere, erinnert sie sich, „wollten diesen Möchtegern-Jungen wieder von der Bühne holen“.
Chamber Orchestra of Europe zu Gast in Eisenstadt
Elf Konzerte gibt es jedenfalls beim Herbstgold-Festival zu hören und zu erleben, das laut Intendant Rachlin zum „führenden Boutique-Festival Europas“ werden soll. Das Chamber Orchestra of Europe, eines der beiden führenden Kammermusikorchester Europas, wurde als Resident Orchestra verpflichtet, was mit einem Budget von 600.000 Euro als Sensation gelten kann. Wie Rudolf Buchbinder nutzt Rachlin seine Kontakte und das Umfeld, das Eisenstadt zu bieten hat, um große Namen zu verpflichten. „Ich kenne John Malkovic aus meiner Rolle in Gerard Depardieus Napoleon, wo wir uns am Set kennengelernt haben. Später nahm Malkovich überraschend die Einladung zum ‚Musikkritiker‘-Projekt an, einfach weil er auch leidenschaftlich gerne auf der Bühne steht“, erinnerte sich Rachlin im Interview mit ORF.at. Ohne diese Kontakte würde die Liste der Stars unter Andras Schiff verschwinden , der in diesem Jahr zu hören sein wird, wäre kleiner.
Hans Leitner / First Look / ORF / Picturedesk „Ich komme zu dir, du kommst zu mir“: Rachlin letztes Jahr bei „Welcome Austria“. In diesem Jahr kommen Sterman & Grissemann nach Eisenstadt und präsentieren Loriot unter dem Motto „Das Ei ist hart“.
Rachlin setzt auf ausgewählte, teilweise sehr schräge Ansätze. Wolfgang Sebastian Bachs legendäre „Goldberg“-Variationen sind in Eisenstadt als Streichtrio zu hören, das, schwärmt Rachlin von der Bearbeitung des russischen Geigers und Dirigenten Dmitri Sitkovetski, „das ist, was die Mathematik ‚dieser 30 Variationen auf ihre wahre Bedeutung‘ treibt. Alles in diesem Bach-Werk sei durch drei teilbar, schwärmt Rachlin, der 1974 in Vilnius geboren wurde. Und alle Fans von Loriot und Stermann & Grissemann können sich ebenfalls freuen: Im Finale erklingt der legendäre „Ring“ von Loriot, der vorher schon war produziert nach Karajans Wagner-Aufnahme, in der österreichisch-deutschen Duettfassung. „The Egg Is Hard“ heißt seine Adaption dieses klassischen Stoffes für klassische Klassiker und klassische Comedy.