Gottesdienstleiter Ulrich Seidl wird 70 Jahre alt

24. November 2022

Der österreichische Kinovisionär Ulrich Seidl wird 70 © APA/HANS KLAUS TECHT

Es war kein einfaches Geburtstagsjahr für Ulrich Seidl. Im Februar feierte „Rimini“, der viel beachtete Teil 1 eines Doppelspielfilms, seine Weltpremiere auf der Berlinale. Im September entbrannte dann nach einer „Spiegel“-Recherche zu den Umständen der Dreharbeiten zum zweiten Teil „Sparta“ eine heftige, teils kontroverse Debatte über die Arbeitsweise des Kult-Regisseurs. Missachtung von Kinderrechten und Desinformation gegenüber Eltern wurden angeprangert. Heute feiert Seidl seinen 70. Geburtstag.

Die Sponsoren kündigten eine Untersuchung an, deren Ergebnisse noch ausstehen. Doch seit Seidl im Oktober in die Offensive gegangen ist und seine Einstellung zum Schießen in Rumänien erläutert hat, scheinen sich die Dinge etwas beruhigt zu haben. Nicht zuletzt der Film selbst, in dem Georg Friedrich einen Mann spielt, der gegen seine pädophilen Neigungen kämpft und im verarmten Rumänien ein Jugendcamp eröffnet, beeindruckt Kritiker und Publikum gleichermaßen. Es ist das Gegenstück zu „Rimini“, in dem Michael Thomas einen zwielichtigen Abseitssänger in schlechter Verfassung spielt.

Die Kontroversen um „Sparta“ stellten den Höhepunkt der Diskussionen um das Werk von Ulrich Seidl dar, waren aber zugleich Teil der heftigen Kritik, die die Filme des Regisseurs immer wieder hervorriefen. Egal ob man Seidls Werke mag oder nicht, sie lassen einen nie gleichgültig. Das war schon bei den ersten dokumentarischen Arbeiten an der Filmakademie so, das betraf „Dog Days“, „Import Export“, „Im Keller“ und nun auch die beiden jüngsten Arbeiten. Seinem eindringlichen Blick ist es zu verdanken, dass Seidl als einer der irritierendsten, umstrittensten und wichtigsten Filmemacher seiner Generation gilt. Und seine Fähigkeit, Menschen zu finden, die sich diesem Blick bereitwillig aussetzen und so jene menschlichen Abgründe offenbaren, die meist gut verborgen in den eigenen vier Wänden bleiben. Er sieht seine Filme als Spiegel, nicht als Zerrspiegel.

2001 gewann er mit seinem Spielfilmdebüt Dog Days den Grand Jury Prize bei den Filmfestspielen von Venedig, wo zwölf Jahre später Paradise: Faith, ein der Blasphemie beschuldigter Film, ebenfalls einen Jurypreis erhielt. Seinen Dokumentarfilm „Jesus, you know“ verwandelte Seidl in ein Theaterstück mit dem Titel „Vater unser“ an der Volksbühne in Berlin. Der Umgang mit Religion ist nicht zufällig. Am 24. November 1952 in Wien geboren und im niederösterreichischen Horn aufgewachsen, hätte Seidl Pfarrer werden sollen, schlich sich stattdessen am Wochenende ins Kino, was ihm verboten war: Uschi Glas und Western waren die ersten prägenden Kinoerlebnisse. . Seidl studierte Publizistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Wien und finanzierte sein Studium mit Jobs als Nachtwächter, Lagerarbeiter und als Drogenversuchskaninchen.

Erst mit 26 Jahren entschied er sich für den Besuch der Filmhochschule, die er bald nach seinem Debüt „Einsvierzig“ (über einen kleinen Jungen) und dem umstrittenen Film „Der Ball“ verließ, Filme, in denen die charakteristische Bildsprache und Die radikale Herangehensweise an die Themen ist bereits deutlich vorhanden. Seidls filmisches Schaffen umfasst alle Facetten zwischen Dokumentar- und Spielfilm und vermischt diese, da er gerne sowohl mit professionellen Schauspielern (Maria Hofstätter, Georg Friedrich, Michael Thomas etc.) als auch mit Amateuren dreht. Es kommt nicht darauf an, dass Drehbuchszenen in den Film eingebaut werden, sondern auf Improvisation und die damit verbundenen Überraschungen, weshalb die Arbeit an seinen Filmen oft Jahre dauern kann, sagt Seidl, der als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent tätig ist hat sein Leben dem Kino gewidmet.

ulrichseidl.com

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