Stand: 04.11.2022 05:39 Uhr
Mehr als 90 Prozent aller Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem Epstein-Barr-Virus. Obwohl die meisten Infektionen harmlos sind, kann das Virus auch Multiple Sklerose verursachen. Nächstes Jahr soll erstmals ein Impfstoff getestet werden.
Im Vergleich zu einem Virus wie Ebola, das in 90 Prozent aller Fälle tödlich verläuft, wirke das Epstein-Barr-Virus (EBV) auf den ersten Blick wie ein harmloser Langweiler, sagt Professor Wolfgang Hammerschmidt vom Helmholtz-Zentrum aus München
Das Epstein-Barr-Virus ist ein sehr, sehr häufiges und weit verbreitetes Herpesvirus. Diese Herpesviren haben ungewöhnliche Eigenschaften, vor allem, weil sie sich wahrscheinlich über Millionen von Jahren an Menschenaffen und schließlich an Menschen anpassen konnten. Das bedeutet, dass das evolutionäre Konzept hier der Erfolg ist, so viele Menschen wie möglich zu infizieren.
Im Gegensatz zu akuten Infektionsviren, die nach einer Infektion aus dem Körper verschwinden, verbleibt das EBV-Virus im Körper. Es lauert sozusagen lebenslang in menschlichen Zellen, meist ohne krank zu werden. Das gilt aber nur, wenn der erste Kontakt mit dem Virus im Baby- oder Kleinkindalter stattfand.
Ein später Erstkontakt kann schwerwiegende Folgen haben
Ein späterer Erstkontakt, etwa in der Pubertät, ist weniger harmlos. Drüsenfieber heißt die Krankheit, die Betroffene wochenlang mit Fieber bettlägerig macht und in 13 Prozent der Fälle ein monatelanges schweres Auszehrungssyndrom verursacht. Ziel sei es daher, Erkrankungen in dieser Altersgruppe vorzubeugen, so Wolfgang Hammerschmidt.
Gemeinsam mit anderen Forschern hat der Professor einen Impfstoff gegen das Virus entwickelt, um Drüsenfieber zu verhindern, das wissenschaftlich als infektiöse Mononukleose bezeichnet wird. Der Impfstoff, der bereits von einem Pharmaunternehmen hergestellt wird, soll nächstes Jahr in klinische Studien gehen, das heißt, er wird am Menschen getestet.
Der Impfstoff enthält keine tatsächlichen Teile des Virus, sondern hergestellte virusähnliche Partikel. Da es sich um ein neues Verfahren handelt, räumt Wolfgang Hammerschmidt ein, dass trotz der vielversprechenden Daten aus dem Labor die Gefahr besteht, dass der Impfstoff nicht so wirkt wie erwartet. Aber:
Andererseits haben wir hier den großen Vorteil, dass wir einen sehr komplexen Impfstoff herstellen können, der 70 Prozent aller Proteine dieses Virus enthält. Damit gehen wir einen völlig neuen Weg, der für die Impfstoffproduktion in dieser Form noch nie zuvor beschritten wurde.
EBV kann bei MS eine entscheidende Rolle spielen
Auch Professor Nicholas Schwab vom Universitätsklinikum Münster hält eine Impfung gegen das Epstein-Barr-Virus für sehr wünschenswert. Mit seiner jüngsten Forschung konnte er bestätigen, was andere Wissenschaftler vermutet hatten: dass EBV möglicherweise eine entscheidende Rolle bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, kurz MS, spielt. Diesen Zusammenhang entdeckten die Münsteraner Forscher über einen Umweg: Sie untersuchten, inwieweit die T-Zellen des Immunsystems gegen das Virus gewappnet sind:
Und dann entdeckten wir, dass MS-Patienten nicht nur eine normale Menge verschiedener T-Zellen gegen das Epstein-Barr-Virus hatten, sondern mehr. Daher besitzt es eine ungewöhnlich hohe Anzahl an unterschiedlichen Rezeptoren. Und das ist bei Epstein-Barr der Fall und nicht bei anderen Viren, die wir analysiert haben. Und daraus schlossen wir, dass die Immunantwort bei MS-Patienten gegen das Epstein-Barr-Virus breiter ist, als sie eigentlich sein sollte.
Breitere Basis bedeutet: Das Immunsystem hat stärker reagiert, als zur Bekämpfung des Virus nötig wäre. Nach dieser Abwehrphase verbleiben jedoch überaktivierte Abwehrzellen im Körper und stören Prozesse wie die Nervenübertragung, was zu Multipler Sklerose führen kann. Eine Erkrankung mit Drüsenfieber erhöht das Risiko für überaktivierte Immunzellen, weil das Immunsystem in diesem späteren Stadium der menschlichen Entwicklung offenbar nicht mehr gut mit dem Virus zurechtkommt.
Wenn Sie vorher eine EBV-Infektion durchgemacht haben und diese Infektion dann normaler ist, ist das besser für uns. Wenn es zu spät abläuft, können Sie Mononukleose bekommen, was ein sehr wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von MS ist.
Immer mehr Menschen erkranken in Deutschland an MS, Tendenz steigend. Ebenso Fälle von Drüsenfieber. Forscher erklären dieses Phänomen damit, dass der Erstkontakt mit dem Epstein-Barr-Virus aufgrund guter Hygiene und medizinischer Versorgung immer wieder verschoben wird. Und deshalb ist EBV für Forscher schon lange kein harmloser Langweiler mehr.