Schließlich beißen Sie nicht an Ihren Nägeln. Das Aufatmen zwischen den Machern und dem Publikum galt heute weniger der Routine des bereits im Vorjahr gewonnenen Sets, als vielmehr dem Wetter: kein Sturm, keine Wolken am Himmel und der dramatisch passende Sonnenuntergang. Nachdem die Premiere der Neuinszenierung im vergangenen Jahr im Großen Festspielhaus stattfinden sollte, konnte der Salzburger Dom heuer am ersten der 14 geplanten Abende endlich seine Tauglichkeit als Kulisse und Performer unter Beweis stellen. Nach nicht einmal zwei Stunden war der Applaus herzlich und stehend, aber nicht gerade überschwänglich.
Geblieben ist die Besetzung und tolle Konzeption (und der Kampf zwischen allen und dem Schuldner, der eher einer Wrestling-Show als einem Boxkampf gleicht, ist immer noch eine völlig unwahrscheinliche und ziemlich störende Bühnenidee), aber einige Nuancen haben sich geändert. Im ersten Teil verleiht Eidinger seinem reichen Mann, der hauptsächlich in roten Sportshorts agiert, deutlich mehr Arroganz, während Altenberger etwas von seiner selbstbewussten Agilität zurückgewonnen hat. Und weil Auftritte in Salzburg zuletzt ein zuverlässiges Gesprächsthema waren: Beide tragen dieses Jahr neue Frisuren.
Edith Clever, ein Höhepunkt des letztjährigen Auftritts als unerbittliche Killerin, die mit ihrem hohen, mit zwei Punkten verzierten Kopfschmuck einem alten Gemälde entsprungen zu sein scheint, hat zur eisigen Kälte beigetragen. Sie beglaubigt diesen im postmodernen Ansatz angesiedelten Abend mit einem Hinweis auf die historische Herkunft des Stoffes, der den vor allem als unterhaltsame Nummern angelegten Allegorien fehlt. Ihre ehemalige Schaubühnen-Kollegin Angela Winkler bot als Gottes ängstliche aller Mutter die größte Überraschung: 2021, diskret und konventionell, spricht sie nun in ihrem ersten Auftritt so eindringlich das Gewissen ihres Sohnes an, dass sich dessen Läuterungsprozess als direkte Folge überträgt . seiner Warnungen.
Bei „The Cathedral Work“ (Sturminger) wurden während der 14-tägigen Proben einige Steine ein wenig zerschnitten und wieder zusammengesetzt, darunter ein unterhaltsameres Duell zwischen Glaube (Kathleen Morgeneyer) und Teufel (Mavie Hörbiger) und ein prägnanterer Rachefeldzug. von Mirco Kreibich als Mammon (der erst als Knecht gedemütigt werden musste).
Was diesen Jedermann und seine Geliebte zu einem Paar machte, bleibt ebenso im Dunkeln wie die Antwort auf die Frage, ob der Titelheld ein schlechter Mensch ist oder nicht. Immerhin bietet Lars Eidinger zwei Überraschungsmomente. „Du hörst es doch auch, nicht wahr?“ wendet er sich an das Publikum, das auf ein paar „Jedermann“-Rufe mit mäßigem Lachen reagiert, die kratzend abklingen. Und während er mit der toten Frau an einem unendlich langen Tisch über sein weiteres Schicksal verhandelt, denkt der Betrachter unwillkürlich an das Bild des Kremls, als Putin vor Beginn des Ukrainekrieges das Weltpublikum in Atem hielt, ob er es in ihren Sitzungen wissen würde sie hatten es mit Delegationen mit einem Verrückten oder einem Selbstdarsteller zu tun.
Momente dieser Art, in denen der „Jedermann“ seine offensichtliche Aktualität beweist, sind selten. Die Inszenierung ist kein Abgesang auf „giftige Männlichkeit“, wie Eidinger es letztes Jahr nannte. Es gibt noch den Abschied von einem ganzen System, das sich ganz dem Mammon verschrieben hat und sich nun für seine wenigen guten Werke verantworten muss. Intendant Markus Hinterhäuser, der sich in diesem Jahr Dantes „Göttliche Komödie“ als Referenz für sein Programm ausgesucht hat, will sich Gedanken über sein Programm machen. Was natürlich nicht heißt, dass die Öffentlichkeit ihm immer folgen will. In einer aufgezeichneten Anzeige empfiehlt der Festivalleiter seinem Publikum, eine FFP2-Maske zu tragen. Deutlich weniger als ein Prozent der Zuschauer folgten diesem Aufruf zum Domplatz.
Die erste Neuproduktion des Festivals gibt es am 26. Juli mit dem Doppelabend „Herzog Blaubarts Burg / De temporum fine comoedia“ in der Felsenreitschule. Die Salzburger Festspiele 2022 laufen noch bis 31. August. Insgesamt wurden etwa 225.000 Karten ausgegeben.
(SERVICE – „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen, Regie: Michael Sturminger, Bühnenbild und Kostüme: Renate Martin, Andreas Donhauser, Komposition: Wolfgang Mitterer. Mit: Edith Clever – Tod, Lars Eidinger – Jedermann, Angela Winkler – Jedermanns Mutter, Anton Spieker – Jedermanns guter Gefährte, Jörg Ratjen – Ein armer Nachbar, Mirco Kreibich – Ein Diener Diener / Mammon, Anna Rieser – Die Frau der verknüpften Magd, Verena Altenberger – Link, Gustav Peter Wöhler – Dicke Cousine, Tino Hillebrand – Cosina prima, Kathleen Morgeneyer – Faith, Mavie Hörbiger – Teufel, Theresa Dlouhy, Fabian Düberg, Claire Gascoin, Paula Jeckstadt, Skye MacDonald, Maximilian Paier, Katharina Rose – Tischgesellschaft / Werke, Ensemble 021. Domplatz, mit Schlechtwetterfesthalle, weitere 13 Vorstellungen bis August 26).