Die Unternehmensinsolvenzen in Österreich sind um 121 Prozent auf 2.429 Verfahren gestiegen und liegen damit nahezu auf dem Vorkrisenniveau von 2019. Die Zahl der offenen Verfahren stieg um fast 100 Prozent auf 1.428. Die mangels Masse abgelehnten Insolvenzen stiegen sogar um 164 Prozent auf 1.001.
Gerhard Weinhofer, Hauptgeschäftsführer des Gläubigerschutzverbandes Creditreform, sieht zwei Gründe für die Insolvenzwelle: „Zum einen sind staatliche Beihilfen ausgelaufen und öffentliche Gläubiger stellen zunehmend alleine Insolvenzanträge, zum anderen sind nationale Unternehmen davon betroffen mehrere Krisen gleichzeitig nach den Lockdowns, die die Wirtschaft belasten.”
Neuer Transportführer in Insolvenzen
In Vorarlberg gab es im ersten Halbjahr 2022 insgesamt 51 Insolvenzen. Das sind 32 mehr als im ersten Halbjahr des Vorjahres. Das entspricht einer Steigerung von 168 Prozent. Die stärksten Zuwächse verzeichneten Niederösterreich (+188,7 %), Vorarlberg (+168,4 %) und Oberösterreich (+159,4 %). Die höchste Insolvenzquote gab es in der Bundeshauptstadt mit 10 Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen, die niedrigste in Vorarlberg mit 3 pro 1.000 Unternehmen. Österreichweit mussten rund 7 von 1.000 Unternehmen Insolvenz anmelden.
Am stärksten stiegen die Insolvenzen in Österreich im Kredit- und Versicherungswesen mit einem Plus von 185,7 %, gefolgt vom Handel (+131 %) und dem Transportwesen („Verkehr und Nachrichtenübermittlung“) mit einem Plus von 128,3 %. Handel (432), Dienstleistungen (416) und Baugewerbe (413) verzeichneten die meisten Insolvenzanmeldungen. Am stärksten von der relativen Insolvenz betroffen war der Verkehrssektor mit fast 20 von 1.000 Unternehmen der Branche. Dies war das erste Mal, dass das Baugewerbe als am stärksten bedrohte Branche abgelöst wurde.
Auch die Privatinsolvenzen nahmen zu
Auch die Privatinsolvenzen haben in Vorarlberg zugenommen. Im ersten Halbjahr 2022 gab es in Vorarlberg 194 Privatinsolvenzen, 24 mehr als im Vorjahreszeitraum. In Österreich ist die Gesamtzahl der Privatinsolvenzen um rund 36 Prozent auf über 4.700 Verfahren gestiegen. Weinhofer erläutert die Gründe: „Die Möglichkeiten zur schnelleren Entschuldung seit der Reform 2021 werden immer beliebter. Hinzu kommen nun wachsende Probleme mit steigenden Preisen und der Existenzsicherung.“
Im Bundesländervergleich zeigt sich das stärkste Wachstum in Tirol (+65,3 %), gefolgt von Oberösterreich (+56,4 %) und Niederösterreich (+54,4 %). Kein Bundesland verzeichnete einen Rückgang der Insolvenzen. Ein Drittel aller Privatinsolvenzen ereignete sich in der Bundeshauptstadt.
„Österreich steht erst am Anfang einer Phase zunehmender Privatinsolvenzen und ein Ende ist nicht in Sicht. Angesichts der wirtschaftlichen Aussichten aufgrund der multiplen Krisen (Lieferkettenprobleme, Ukrainekrieg, Inflation, Stagnationsgefahr, ungelöste Pandemie), neu In den nächsten Jahren ist mit einer Insolvenz von Privatpersonen zu rechnen”, sagt Weinhofer.