1998 Die meisten Menschen in Deutschland zahlen bar oder mit Kreditkarte. Wer bereits im Internet unterwegs ist, schreibt E-Mails und stöbert auf Nachrichtenseiten. Die wenigsten Menschen denken an Online-Zahlungsdienste. Ein Unternehmer aus München will das ändern. Am 12. Juni 1998 meldete er beim Deutschen Patentamt eine Marke an: „Wire Card“, Registernummer 39833006. Der Vorläufer des späteren DAX-Konzerns.
1999 Dies ist das offizielle Gründungsjahr von Wirecard. So erscheint es auf der archivierten Unternehmenswebsite. Das Unternehmen wächst und hat bald mehr als 60 Mitarbeiter. Wirecard verdient sein Geld vor allem mit der Abwicklung von Zahlungen von Internetpornografie- und Glücksspielseiten.
2000 Jan Marsalek tritt in das Unternehmen ein, zunächst als „Projektleiter Zahlungssysteme“. Der gebürtige Wiener arbeitet ständig in den Reihen von Wirecard.
Markus Braun wird CEO von Wirecard
2002 Markus Braun wird CEO von Wirecard. Der promovierte Wirtschaftsinformatiker kommt von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Mit Braun, der sich selbst als „krankhaften Optimisten“ bezeichnet, nimmt der Aufstieg der Gruppe weiter Fahrt auf.
2006 Wirecard wird in den TecDAX aufgenommen, den Index der größten Technologieunternehmen Deutschlands. Aber Braun will mehr, er will in den DAX. Sogar seine eigenen Mitarbeiter belächeln ihn dafür.
2008 Erste Zweifel an den Geschäftszahlen von Wirecard werden beispielsweise von Mitgliedern der „Anlegerschutzgruppe“ (SdK) geäußert. Daniel Bauer, CEO von SdK, erinnerte sich später in einem Interview mit BR daran, dass Wirecard gegenüber seinen Kunden „von Schweigen umgeben“ gewesen sei. Als ein SdK-Vorstand auf der Hauptversammlung Zweifel an der Bilanz des Unternehmens artikuliert, bricht der Kurs der Wirecard-Aktie dramatisch ein. Die SdK selbst geriet jedoch ins Zwielicht, als sie feststellte, dass Mitglieder bei Wirecard-Aktien „short“ gegangen waren. Das bedeutet: Sie profitieren davon, dass die Werte des Aschheimer Zahlungsdienstleisters fallen.
Marsalek wird Vorstandsmitglied von Wirecard
2010 Jan Marsalek steigt in den Vorstand ein. Als CEO verantwortet er nun das operative Geschäft von Wirecard und steuert in dieser Funktion auch das angebliche Drittgeschäft in Asien, das dem Konzern später zum Verhängnis wird. Der Kurs der Wirecard-Aktie steigt.
2015 „House of Wirecard“: Unter diesem Titel veröffentlicht die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) die ersten kritischen Artikel über Wirecard. Im selben Jahr übernimmt der Konzern einen indischen Zahlungsabwickler namens GI Retail. Wirecard zahlt 340 Millionen Euro. Unmittelbar zuvor hatte GI Retail für 40 Millionen Euro den Besitzer gewechselt. Bis heute wirft der Deal Fragen auf.
2016 „Zatarra Report“: Unter diesem Namen taucht ein Bericht im Internet auf, in dem die zunächst anonymen Autoren schwere Vorwürfe gegen Wirecard erheben. „Weit verbreitete Korruption und Betrug“ lautet der Titel des 101-seitigen Dokuments, das sich auch mit dem GI-Einzelhandelsdeal befasst. In diesem Zusammenhang sind 230 Millionen Euro verschwunden. Bald darauf wird bekannt, dass hinter dem Bericht britische Aktieninvestoren stecken: Fraser Perring und Matthew Earl. Perring teilte dem BR im Herbst 2020 in einem Interview mit, dass er auch eine Kopie an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geschickt habe. Keine Reaktion Earl erinnerte sich später in einem Interview mit BR daran, dass er und seine Familie nach der Freilassung persönlich bedroht wurden. Vermutlich im Auftrag von Wirecard. Nach dem Bericht leitete die Staatsanwaltschaft München I Ermittlungen ein, allerdings nicht gegen Verantwortliche des Zahlungsdienstleisters Aschheim, sondern gegen die Verfasser des Zatarra-Berichts und gegen einen Journalisten der FT. Wirecard weist alle Vorwürfe zurück.
„Zwischenschritt“ im DAX
2018 Trotz der Turbulenzen hängt die Börse von Wirecard ab. Zahlungsdienstleister gelingt die Aufnahme in den DAX, die Commerzbank muss weichen. Ein “Zwischenschritt” für CEO Markus Braun, wie er in einem Interview sagt. Sein nächstes Ziel: Wirecard soll der größte Konzern im DAX werden.
2019 Wieder ist es die FT, die brisante Artikel über Wirecard veröffentlicht. Ein Whistleblower hatte der Zeitung über Unregelmäßigkeiten im Geschäft von Wirecard in Singapur berichtet. Wirecard dementiert erneut. Die BaFin verhängte daraufhin ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien. Ein bisher einzigartiges Verfahren. „Die BaFin hat mit ihrem Verhalten sogar den Markt getäuscht und dafür gesorgt, dass Wirecard weiter Geld verdient“, sagt Florian Toncar im Interview mit dem BR. Später wird der FDP-Politiker den Skandal im Wirecard-Untersuchungsausschuss intensiv diskutieren. Heute ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, dem Ressort, dem die BaFin unterstellt ist. Nachdem die FT weiterhin über manipulierte Geschäftszahlen berichtete, beauftragte der Aufsichtsrat von Wirecard im Oktober 2019 die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer Sonderuntersuchung zu den Vorwürfen. Der Anfang vom Ende für Wirecard.
Braun und KPMG: Meinungsverschiedenheiten vor Ad-hoc-Publizität
22. April 2020 Wirecard veröffentlicht eine Ad-hoc-Mitteilung, dass die Sonderuntersuchung von KPMG „keine Hinweise auf Bilanzmanipulation“ ergeben habe. Markus Braun schickte KPMG vor der Veröffentlichung einen Entwurf dieser Mitteilung per E-Mail. KPMG antwortet dem CEO von Wirecard direkt: “Diese Darstellung entspricht nicht unserer Wahrnehmung der tatsächlichen Umstände und steht nicht im Einklang mit unseren schriftlichen und mündlichen Berichten.” Die Meldung erscheint unverändert. Stunden später schickt ihm der Chef einer Kommunikationsagentur, die Braun und Wirecard berät, eine schriftliche Pressemitteilung. Sie schreibt: “Wir glauben, dass Wirecard den Umständen entsprechend jetzt optimal aufgestellt ist.” Der Plan, die Deutungshoheit zurückzuerobern, scheint aufzugehen. Wirecard beabsichtigt, die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr am 30. April vorzulegen. Dazu wird es nicht kommen, weil die Wirtschaftsprüfer von EY, die seit Jahren die Bilanzen von Wirecard testieren, sich weigern, die Bilanz 2019 zu testieren, Wirecard musste den Termin mehrfach verschieben.
18. Juni 2020 Um 10:43 Uhr veröffentlicht Wirecard eine Ad-hoc-Meldung, die wie eine Bombe an den Finanzmärkten einschlägt. Der Konzern muss die Vorlage der Bilanz erneut verschieben, weil EY dem Zahlungsdienstleister mitgeteilt hat, „dass der Bestand an Bankguthaben auf in den konsolidierten Jahresabschluss zu konsolidierenden Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro (entspricht ca ein Viertel der Bilanzsumme des Konzerns) ausreichende Prüfungsnachweise noch nicht erlangt wurden.” Es gibt Hinweise darauf, dass ein Treuhänder EY möglicherweise gefälschte Quittungen über den Saldo dieser Konten vorgelegt hat. Vorstandsmitglied Jan Marsalek versucht seit Tagen offenbar vergeblich, die entsprechenden Unterlagen von Treuhänder Mark Tolentino, einem Scheidungsanwalt auf den Philippinen, zu bekommen.
Der Vorstand arbeite „auf Hochtouren an der weiteren Klärung des Sachverhalts in Abstimmung mit der Revisionsstelle“. Am Abend dieses Tages entlastet der Aufsichtsrat Marsalek. Unmittelbar danach traf sich Marsalek mit einigen Vertrauten in einem italienischen Restaurant in der Münchner Innenstadt. Er bittet einen von ihnen, einen Flug zu organisieren. Marsalek soll die 1,9 Milliarden auf den Philippinen suchen.
Wirecard veröffentlicht über Nacht ein Video. Umringt von den Vorständen Susanne Steidl, Alexander von Knoop und James Freis gibt CEO Markus Braun ein Statement ab. „Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG Opfer eines groß angelegten Betrugsfalls geworden ist“, erklärt Braun.
Braun in Aufruhr, Marsalek in Russland?
19. Juni 2020 Um 12.48 Uhr gab der Konzern folgende Personalentscheidung bekannt: „Herr Dr. Markus Braun ist heute im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat der Wirecard AG mit sofortiger Wirkung als Mitglied des Vorstands zurückgetreten.“ James Freis, den Braun wenige Stunden zuvor im Video „an Bord“ begrüßte, übernimmt. Derzeit befindet sich Wirecard in Gesprächen mit den Banken, die dem Konzern große Kredite gewährt haben.
Abends steigt Marsalek auf einem Flughafen bei Wien in ein Kleinflugzeug, das ihn nach Minsk bringt. Dort verliert sich seine Spur. Marsalek ist bis heute auf der Flucht, wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Es soll in Russland sein. Die Staatsanwaltschaft München I hat bereits mehrere Auslieferungsanträge gestellt. Keine Reaktion von russischer Seite.
23. Juni 2020: Vier Tage später gab die Staatsanwaltschaft bekannt, Markus Braun festgenommen zu haben. Es bestehe der Verdacht „Täuschung in Verbindung mit Marktmanipulation“.
Insolvenz eines DAX-Konzerns
25. Juni 2020 Historisch ist die um 10:27 Uhr veröffentlichte Ad-hoc-Mitteilung von Wirecard: „Der Vorstand der Wirecard AG hat heute beschlossen, für die Wirecard AG einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim zuständigen Amtsgericht München wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und über zu stellen -Verschuldung.“ Ein DAX-Konzern muss pleite gehen, das hat es noch nie gegeben. Michael Jaffé übernimmt die Insolvenzverwaltung. In den kommenden Monaten wird er unter anderem feststellen, dass wesentliche Teile des Geschäfts von Wirecard erfunden wurden.
In den folgenden Tagen und Wochen gingen die Schockwellen quer durch die Republik, über den Bankenstandort Frankfurt, die EY-Zentrale in Stuttgart bis nach Berlin. Der damalige Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Altkanzlerin Angela Merkel gerieten unter Druck. Scholz und sein Haus…