Corona im Endstadium? Wo die Pandemie geendet zu haben scheint und wo nicht
Von Kai Stoppel, 23.09.2022 um 19:27 Uhr
Im Herbst ist das dritte Jahr von Corona. Doch wann endet die Pandemie wirklich? In den USA hat Präsident Biden trotz steigender Todeszahlen bereits sein Ende angekündigt. In anderen Regionen der Welt gibt es jedoch tatsächlich Anzeichen dafür, dass der letzte Akt begonnen haben könnte.
Die Coronavirus-Pandemie ist in den Vereinigten Staaten vorbei, zumindest wenn man US-Präsident Joe Biden glaubt. „Die Pandemie ist vorbei“, verkündete er vor wenigen Tagen in einem Fernsehinterview. Dies mag für Außenstehende überraschend sein, da die USA immer noch täglich Zehntausende neuer Fälle melden. Und nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC sterben dort weiterhin täglich fast 400 Menschen an Covid-19.
Laut Medizinhistoriker Jörg Vögele gibt es zwei mögliche Enden einer Pandemie: Ein epidemiologisches, wenn ein Erreger kein Problem mehr für die Gesundheitssysteme darstellt. Oder sozial, wenn die Leute nichts mehr hören wollen. Letzteres scheint derzeit eher in der westlichen Welt der Fall zu sein. Zu sehr beherrscht der Krieg in der Ukraine die Nachrichten. Covid-19 wird nur noch selten gemeldet. Bei der letzten UN-Generalversammlung in New York spielte die Pandemie anders als im Vorjahr nur eine untergeordnete Rolle. Aber ist das epidemiologische Ende nah?
Der Chef der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus: „Wir waren noch nie in einer besseren Position, um die Pandemie zu beenden.“
(Foto: imago images/SNA)
Corona ist weltweit auf dem Rückzug, so zumindest der jüngste Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In allen Regionen der Welt ist die Zahl der gemeldeten Fälle rückläufig oder stagniert zumindest. Der Chef der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, zeigte sich vor wenigen Tagen zuversichtlich: „Wir waren noch nie in einer besseren Position, um die Pandemie zu beenden“, sagte er.
Hohe Fallzahlen in Ostasien
Je nach Weltregion gibt es immer große Unterschiede. In der Woche vom 12. bis 18. September wurden in Europa noch mehr als eine Million neue Fälle registriert. In Ostasien waren es mehr als 1,4 Millionen. Besonders Japan wurde mit über 600.000 Neuinfektionen massiv getroffen. Auch Südkorea, das lange als Musterland im Umgang mit der Pandemie gilt, meldete in der besagten Woche knapp 400.000 Fälle. Es sieht immer noch nach viel aus, aber die Tendenz ist auch rückläufig.
In Afrika hingegen scheint Corona kein Problem mehr zu sein. Der Kontinent mit mehr als einer Milliarde Menschen meldete in derselben Woche nicht einmal 7.000 Neuinfektionen, etwa so viele wie zuletzt Österreich an einem Tag. Gleichzeitig war es für Afrika ein Minus von mehr als einem Drittel im Vergleich zur Vorwoche. Südafrika, das während der Pandemie mehrere Wellen erlebt hat, hat zuletzt nur wenige hundert neue Fälle pro Tag gemeldet.
In Afrika wird jedoch aus strukturellen Gründen weniger getestet, Experten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer an Corona-Fällen aus. Was jedoch ein Zeichen dafür ist, dass die Pandemie auf dem Kontinent abflaut: Laut WHO ist die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Pandemie. In einer Woche wurden fast 40 Corona-Tote verzeichnet. Während der großen Wellen von 2020 und 2021 waren es mehr als das Hundertfache.
In den USA regiert das Verlangen
In den USA hingegen scheint das Ende der Pandemie bisher eher sozialer Natur gewesen zu sein. Die Menschen seien „mit der Pandemie fertig“, sagte der US-Epidemiologe Michael Osterholm dem Online-Gesundheitsjournal Stat. “Du willst das hinter dir lassen.” So sei seiner Meinung nach auch die Aussage von Präsident Biden zu verstehen, die Pandemie sei „vorbei“. Epidemiologisch ist die Pandemie in den USA jedoch noch in vollem Gange: Zuletzt ist die Zahl der Todesopfer wieder leicht gestiegen, Covid-19 bleibt die vierthäufigste Todesursache in den USA.
Und in Deutschland? Die Inzidenz hierzulande bleibt auf einem hohen Niveau. Allerdings ist die Zahl der Intensivpatienten nur noch halb so hoch wie im Vorjahr. Täglich werden etwa 100 Todesfälle registriert. In diesem Jahr sind bisher fast doppelt so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie im gesamten Vorjahr. Entwarnung will das Robert-Koch-Institut noch nicht geben: Trotz aktuell stabiler Fallzahlen bleibt der Infektionsdruck in der Allgemeinbevölkerung laut aktuellem RKI-Wochenbericht in allen Altersgruppen hoch. Aber in der öffentlichen Debatte ist Covid derzeit auch nur am Rande.
Wann endet die Corona-Pandemie weltweit? Es wird wahrscheinlich schwierig sein, ein genaues Datum zu bestimmen. Denn Experten gehen davon aus, dass Sars-CoV-2 nicht mehr verschwindet, sondern endemisch wird. Wann genau dieser Zeitpunkt eintritt, ist schwer zu sagen. Allerdings könnte die WHO irgendwann zumindest das Ende der Pandemie verkünden. Durch die Erklärung, dass der seit Januar 2020 geltende „Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite“ beendet ist.
“Das Ende ist in Sicht”
„So weit sind wir noch nicht, aber das Ende ist in Sicht“, sagte WHO-Chef Tedros vor wenigen Tagen. „Ein Marathonläufer hört nicht auf, wenn die Ziellinie in Sicht ist. Er läuft mit noch mehr Entschlossenheit, mit all der Energie, die ihm noch bleibt. Wir müssen das Gleiche tun.“ Andernfalls drohen laut Tedros neue Virusvarianten, mehr Tote und mehr Unsicherheit. Die WHO fordert daher alle Länder auf, weiter zu testen und vor allem zu impfen. Insbesondere ältere Menschen und medizinisches Personal sollten zu 100 % geimpft sein. Generell sollten alle Länder anstreben, 70 % ihrer Bevölkerung zu impfen.
Vielleicht ein Zeichen der Hoffnung: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, eigentlich einer der größten Warner und Pessimisten in Bezug auf Sars-CoV-2, drückte sich kürzlich auf Twitter zuversichtlich aus: „Viele fragen sich: Corona hört doch nie auf? die Endemiten kommen.?’ Nicht in diesem Herbst, schrieb Lauterbach: Ohne wirksame Schutzmaßnahmen ginge es nicht. Aber: „Langfristig werden Impfstoffe kommen, die vor vielen Varianten und Infektionen schützen. Ich schätze, damit ist Schluss.“